Handelsgesellschaften erobern die Welt: Kampf um die Märkte

Handelsgesellschaften erobern die Welt: Kampf um die Märkte
Handelsgesellschaften erobern die Welt: Kampf um die Märkte
 
Es ist zunächst von der Vorstellung auszugehen, dass im Spätmittelalter und zu Beginn der frühen Neuzeit im 15./16. Jahrhundert mehrere »Weltwirtschaften« zeitgleich existierten. Ihre Zentren bildeten Städte wie Venedig, Genua, Barcelona, später im Zuge der Westexpansion in der postkolumbischen Ära Sevilla und Lissabon, dann Antwerpen, Amsterdam und schließlich auch London. Sie waren durch den Welthandel groß geworden, und man wird sie auch wegen ihrer Zentralität im globalen Netz des Handels, die ihr Entstehen bedingte, als Weltmarktzentren, Welthandelsstädte oder Weltstädte bezeichnen dürfen. Gerade die Vielfalt der Territorien und Städte stellte eine Besonderheit dar. Der Ferne Osten, insbesondere China, war politisch wie auch wirtschaftlich einheitlich organisiert. Es sieht so aus, als sei der entscheidende Vorteil Europas im Wettbewerb der Weltregionen auf diese territoriale, mithin auch ökonomische, soziale und institutionelle Vielgestaltigkeit zurückzuführen.
 
Die Entdeckungen des 15. und 16. Jahrhunderts, insbesondere die Erschließung Amerikas, erweiterten die Macht der Alten Welt erheblich und führten zur Begegnung zweier Welten, die sich aneinander banden. Hinfort gaben diejenigen Kaufmanns- und Handelskreise den Ton an, die die Entdeckungen mitfinanziert hatten und die neuen Beschaffungs- und Absatzmärkte bestimmten. Unter ihnen waren neben vielen mutterländischen Spaniern und Portugiesen vor allem Italiener, insbesondere Genuesen, und Deutsche, namentlich Oberdeutsche aus dem Raum zwischen Regensburg, Ulm und Nürnberg. Die Fugger nahmen im 16. Jahrhundert, die Genuesen um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert — vor allem im Bankgeschäft — eine führende Position im Welthandel ein. Die geschäftlichen Beziehungen der internationalen Kaufmannschaft zu den herrschenden Dynastien, vor allem diejenigen zu König Philipp II. (1556—98) aus der spanischen Linie der Habsburger, gestalteten sich durch die gewährten Kredite so eng und fast unauflöslich, dass die Staatsbankrotte Portugals und Spaniens, insbesondere die spanischen von 1557 und 1575, die globale Wettbewerbsposition der involvierten Hochfinanz erheblich schwächten. Der damit verbundene Machtverlust der Genuesen und Oberdeutschen läutete den Aufstieg Amsterdams als neues Welthandelszentrum ein, das nicht nur geostrategisch günstig im ökonomisch am weitest entwickelten Teil der Welt, nämlich in Nordwesteuropa, lag, sondern über ein Handels- und Transportpotenzial verfügte, das seinesgleichen im 17. Jahrhundert nicht hatte.
 
 Die Konkurrenten um die Führungsposition — Niederlande, England und Frankreich
 
Amsterdam: »Kaufhaus der Welt«
 
In Amsterdam liefen in den nächsten eineinhalb Jahrhunderten die Fäden zusammen. Es gab nur wenige Märkte, auf denen Niederländer nicht mitmischten. Ihre Mittlerstellung zwischen Baltikum und Iberischer Halbinsel, ihre zentrale Stellung im Fischgeschäft, ihre finanztechnischen Errungenschaften — wie Börse, Beteiligungskapital, Anleihen und Staatskredite —, ihre mächtigen Handelsgesellschaften im West- und Ostindiengeschäft, mithin die Dominanz des weltumspannenden Fernhandels verschafften Amsterdam und den Niederlanden einen Entwicklungsvorsprung, der erst im späteren 18. Jahrhundert von London eingeholt und überboten werden konnte.
 
Die niederländische Handelsmacht basierte auf fortschrittlichen Institutionen, die meist mit staatlichen Privilegien ausgestattet und hocheffizient organisiert waren. Dies war der Fall sowohl bei der 1602 gegründeten Vereinigten Ostindischen Kompanie (Verenigde Oostindische Compagnie; VOC) als auch bei ihrer jüngeren Schwester, der Westindischen Kompanie (West-Indische Compagnie; WIC) von 1621. Während die VOC sich dem Gewürzgeschäft und dem Handel mit asiatischen Luxuswaren zuwandte, schöpfte die auf das Geschäft mit der Karibik und der Neuen Welt konzentrierte WIC ihren Gewinn aus dem Handel mit Gold und — als eine der tragenden Institutionen des transatlantischen Dreiecksgeschäfts — Sklaven. Ihre finanzielle Basis bestand aus Beteiligungskapital bedeutender Personen der niederländischen Hochfinanz und des Staates.
 
Solche Handelskompanien wurden seit dem 16., zunehmend dann aber im folgenden Jahrhundert von den großen seefahrenden Nationen im Wettstreit um die Ausbeutung Ostindiens und Westindiens ins Leben gerufen. Häufig handelte es sich um Privatgesellschaften, die obrigkeitlich genehmigt und mit staatlichen Hoheitsrechten in jenen fremden Gebieten ausgestattet waren. Die Verfassung der VOC ist an die der commenda und an die der Reederei angelehnt. Die commenda — aus der sich später die Kommanditgesellschaft entwickelte — kennzeichnete, dass ein Kapitalgeber, der commendator, einem Unternehmer, dem tractator, Geld oder Waren zum Zwecke der Verwertung in der Ferne unter Gewinnteilung überließ. Nach der Reedereiverfassung mussten Interessenten Eigentumsanteile an einem Schiff nachweisen, um als Mitreeder der Gesellschaft anzugehören. Die Geldgeber der VOC, die zunächst jede Reise einzeln finanzierten, blieben lange Zeit von der Mitverwaltung ausgeschlossen, da die absolutistische Regierung auf Lebenszeit ernannte Vorsteher (bewindthebbers) eingesetzt hatte. Nach und nach erkämpften sich die Hauptteilhaber das Mitaufsichtsrecht.
 
Bereits 1599 hatten Londoner Kaufleute die englische East India Company ins Leben gerufen. Glänzende Erfolge der niederländischen Ostindienkompanie — 1610 schüttete sie 75 Prozent Dividende aus — ermunterten Schweden, Dänemark, Frankreich und Kurbrandenburg zur Gründung ähnlicher Gesellschaften. Die 1688 etablierte Brandenburgisch-Amerikanische Kompanie vergab erstmals Inhaberaktien; ihre Weiterverbreitung und Popularität verdanken diese Aktien der 1717 in Frankreich gegründeten Compagnie d'Occident. Diese Finanzierungsform erlaubt es uns, in beiden Gesellschaften Vorläufer der später wichtigsten Kapitalgesellschaft, der Aktiengesellschaft, zu sehen.
 
Vor allem die englisch-niederländische Rivalität brachte Bewegung in das Konzept der Mächte und stimulierte das internationale transozeanische Handelsgeschäft. Da man davon ausging, der Welthandel sei ein Nullsummenspiel, bei dem der eine nur gewinnen könne, was der andere verliere, versuchten die konkurrierenden Staaten, ihre Machtpositionen nach Möglichkeit auf Kosten der anderen und mithilfe rechtlicher Bestimmungen zu festigen oder zu erweitern. Beispielgebend war hier die englische Navigationsakte von 1651, die der englischen Flotte das unbedingte Monopol des Zwischenhandels einräumen sollte. Zu Recht sahen die Niederlande dadurch ihre Machtbasis gefährdet und entfachten 1652 einen Seekrieg. Kurz nach dessen Ende 1654 wandte sich die englische Flotte der Eroberung spanischen Territoriums zu und brachte zwischen 1655 und 1658 Jamaika unter englische Herrschaft. Die Politik der Eroberungen zur Stärkung der eigenen Wirtschaftskraft verfolgten grundsätzlich alle europäischen Mächte. So gedachte man, die Handelsbilanz zu aktivieren und damit gleichzeitig den durch höfischen Luxus zunehmend beanspruchten Staatshaushalt zu sanieren. Es ist kein Zufall, dass der Gedanke der aktiven Handelsbilanz und der protektionistischen Zollpolitik gerade dort am konsequentesten vertreten wurde, wo der üppige Prunk des Herrschers den größten Deckungsbedarf hervorrief, nämlich in Frankreich.
 
Motoren des niederländischen Aufstiegs
 
Beim Aufstieg der Niederlande zur führenden Weltwirtschaftsmacht spielten verschiedene Faktoren eine Rolle. Die eigene Landwirtschaft konnte die Bevölkerung der vergleichsweise dicht besiedelten Niederlande nicht ernähren. Die dadurch bedingte Knappheit und Importabhängigkeit erzwangen Lösungen. Auf dieser Grundlage bildeten sich die niederländischen Tugenden Fleiß, Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem und Bereitschaft zur Mobilität aus, und die Region war um 1650 die dichtest besiedelte und bestentwickelte. Die Städte blühten, und das Bevölkerungswachstum speiste Angebot und Nachfrage. Da für extensiven Getreideanbau die Flächen fehlten, begann man früh mit der Intensivierung der Agrarkulturen durch den Anbau neuer Feldfrüchte und durch die Verbesserung der technischen Mittel. Getreide importierte man — etwa 1,8 Millionen Hektoliter jährlich — aus dem Ostseeraum, was aufgrund der Nähe zum Meer und der Einbindung des Landes in den internationalen Handelsverkehr keine Schwierigkeiten bereitete.
 
Bewusst oder unbewusst handelten die Niederlande ökonomisch richtig, indem sie ihre komparativen Kostenvorteile nutzten, das heißt Massenprodukte importierten und im eigenen Land Ackerbau und Viehzucht spezialisierten und veredelten. Die Viehzucht, Milchwirtschaft und Käseherstellung sowie die Kultivierung der Gewerbepflanzen Flachs, Raps, Rüben, Krapp und Tabak verwandelten die natürlichen Ressourcen des Landes in hohe Erträge und banden weniger Arbeitskräfte, sodass sich ein größerer Teil der Bevölkerung Gewerbe und Handel zuwenden konnte. Zu den ausgesprochen niederländischen Domänen gehörten Heringsfischerei und Heringshandel, der die gesamte Ostsee einschloss. Mit importiertem Salz konserviert und in eingeführtem Holz verpackt, wurden die Heringe zu einem wichtigen Exportprodukt. Dessen Bedeutung zeigt sich auch daran, dass die Niederländer mit den Spaniern um die ergiebigen Salzpfannen der Península de Araya an der Küste Venezuelas stritten. Hinzu kam der Walfischfang bis Spitzbergen und Grönland, der den Trankochereien Walspeck zuführte und unter anderem den Grundstoff für Leuchtenergie, die Tranfunzel, lieferte.
 
Die Niederländer verstanden es aber nicht nur, sich aus dem Meer zu bedienen, sondern auch auf dem Meer monopolistische Positionen aufzubauen. Wer die Meeresstraßen am schnellsten und billigsten befuhr, beherrschte das globale Geschäft. Gerade hier schufen sich die Niederländer ideale Ausgangsbedingungen, indem ihre Schiffstypen zu den wendigsten gehörten, die die Werften im späten 16. und im 17. Jahrhundert hervorzubringen in der Lage waren. Insbesondere die Fleute, ein leichter und hoch arbeitsteilig in Serie hergestellter Schiffstyp, brachte den Niederländern den entscheidenden Navigationsvorsprung. Da ihre Schiffe zu den sichersten und am besten ausgerüsteten und geführten gehörten, ergaben sich bald durch hohe Auslastungsquoten, durch niedrige Versicherungskosten und Frachtraten Vorteile im internationalen maritimen Wettbewerb, die sich wiederum in der beträchtlichen Zunahme der Transportkapazitäten und Handelstonnagen niederschlugen.
 
Die Fleute war viermal so lang wie breit und ermöglichte durch ihre besondere Takelung — neu geschnittene Rahsegel — sowie durch geringen Tiefgang, die Windenergie viel effizienter in Antriebsenergie umzusetzen als andere Segelschiffe der damaligen Zeit. Ihr entsprang die Dynamik, mit der die Niederländer sich anschickten, die Ozeane zu erobern und die »Fuhrleute der Welt« zu werden. Dass diese fortschrittliche Schiffstechnik, die die Windjammerepoche revolutionierte, nicht nur der Kauffahrt diente, sondern den Niederlanden auch die wendigste Kriegsmarine und damit eine führende Seemachtposition bescherte, ist kaum von der Hand zu weisen.
 
Das internationale Ringen um die Weltmeere hätte womöglich im 17. Jahrhundert eine andere Entwicklung genommen, wenn nicht die Fleute der Niederländer auf englischer Seite von einer politischen Flaute unter der Herrschaft Jakobs I. begleitet gewesen wäre. Der König, spöttisch the wisest fool of Christendom (der weiseste Narr der Christenheit) genannt, galt als Zauderer und war nicht in der Lage, die starke Position, die sich England unter der Herrschaft Elisabeths I. aufgebaut hatte, zu halten, geschweige denn auszubauen, auch wenn die englischen Handelskompanien nicht untätig blieben. Aber eine aggressive Handelspolitik im Stile der Niederländer war Jakobs Sache nicht. Er untersagte Freibeuterei und weigerte sich, Kaperbriefe zu unterzeichnen, während die übrigen Seefahrernationen munter den Raubhandel pflegten: So überfiel beispielsweise der niederländische Admiral Piet Heyn 1628 eine voll beladene spanische Silberflotte vor der Nordküste Kubas und sicherte mit der Beute von über elf Millionen Gulden das Überleben der noch instabilen WIC. Die Kompanie sollte die spanische und portugiesische Domäne in der Westfahrt schwächen und die Kräfte und Reserven interessierter Handelskreise bündeln. Zahlreiche bereits in den Handel mit Westindien, Brasilien und Guinea involvierte Kaufleute zeichneten nun Aktien der WIC und verhalfen somit nicht nur ihr, sondern auch einer neuen Gesellschafts- und Finanzierungsform, der auf dem Beteiligungskapital vieler beruhenden joint stock company, zum Durchbruch. Zu den institutionellen Innovationen, die den expandierenden Welthandel begleiteten, gehörten auch die 1609 als Girobank ins Leben gerufene Amsterdamer Wechselbank und die Börse. An ihr wurden nicht nur Aktien gehandelt, sondern auch die Güterspekulation trieb — beispielsweise in der Tulpenkrise — ihre Blüten. Neben dem Handel mit afrikanischem Gold, in dem gewissermaßen das expansive Westgeschäft der WIC finanziell gründete, zielte diese darauf, bestimmte Märkte zu erobern und zu kontrollieren. 1630 entrissen die Niederländer den Portugiesen für 24 Jahre die vorwiegend Zuckerrohr anbauende brasilianische Region Pernambuco, das heutige Recife, und stützten darauf ihre Beteiligung am internationalen Zuckergeschäft.
 
Der »Colbertismus« — Frankreich versucht aufzuschließen
 
In Frankreich versuchte zwar bereits der Herzog von Richelieu, den französischen Überseehandel zu forcieren, doch der Durchbruch gelang erst Jean-Baptiste Colbert unter König Ludwig XIV. Seit 1661 Generalkontrolleur der Finanzen, versuchte er, durch protektionistische Zollpolitik und Gewerbe fördernde Maßnahmen zugleich, den überschwelgenden Luxus des Sonnenkönigs fiskalisch zu untermauern. Der »Colbertismus« — die französische Spielart des Merkantilismus — förderte nicht nur die Manufakturen, importierte durch die Anwerbung ausländischer Handwerker und Kunstgewerbetreibender Know-how und entwickelte das Verkehrswesen, sondern begründete auch die Vorreiterrolle des Hofs für den »Geschmack« und die Mode. Mit der gezielten Förderung des Bevölkerungswachstums — etwa durch Erschweren der Auswanderung, Ansiedlung von Fachkräften und Anreize für Eheschließungen — wollte man die Binnennachfrage steigern. Colberts Wirtschaftspolitik zielte darauf, durch verstärkten Schiffsbau und Schaffung von Transportkapazitäten sowie durch eine systematische Steigerung der gewerblichen Produktion die Niederländer aus Frankreich zu verdrängen und die französische Position als Kolonialmacht zu stärken. Insbesondere wurde die Kolonisierung Amerikas um das Mississippigebiet gefördert. Colbert gelang es außerdem beiläufig, den Handelsverkehr mit Indien zu entfalten: Anfangs wurde aus Indien Baumwolle importiert, später kamen Gewürze hinzu. Wenngleich Frankreich im Kolonial- und Spanienhandel beträchtliche Steigerungsraten erzielte, erreichte der Handel der französischen Ostindienkompanie jedoch nicht annähernd das Ausmaß der niederländischen beziehungsweise englischen Gesellschaften. Im Handel mit Luxusgütern — zum Beispiel mit französischen Spitzen, Seidenwaren, Gobelins und Spiegeln — und Wein konnte Frankreich indes eine führende Stellung erlangen. Ferner wurde der Mittelmeerhandel über Marseille ausgebaut und im Laufe des 18. Jahrhunderts das Westindiengeschäft vorangetrieben, in das sich vor allem Bordeaux einschaltete.
 
Doch trotz bemerkenswerter Erfolge in diesen Handelsbereichen erreichte Frankreich das angestrebte Ziel einer stärkeren kolonialen Expansion nur teilweise. Schon nach dem Utrechter Frieden 1713 musste Frankreich Akadien, Neufundland und das Gebiet um die Hudsonbai Großbritannien überlassen. Gegen Ende des Siebenjährigen Krieges trat Frankreich im Vorfrieden von Fontainebleau 1762 fast sein ganzes Kolonialreich in Nordamerika an Großbritannien ab. Nur einige unbedeutende Besitzungen in Guayana und einige Inseln des westindischen Archipels wie Guadeloupe und Martinique blieben in seinem Besitz. So verlor der französische Handel wesentliche Bastionen in der Neuen Welt.
 
England auf dem Weg zur Vorherrschaft
 
Während sich in den kontinentaleuropäischen Ländern absolutistische Regierungsformen herausbildeten, brachte die »Glorreiche Revolution« 1688/89 England eine konstitutionelle Monarchie. Im Unterschied zu den Ständeversammlungen anderer Staaten besaß das englische Parlament das Recht, neue Steuern zu genehmigen. Des Herrschers persönliche Schatulle war seit 1693 fein säuberlich vom Staatsschatz getrennt. Zu den Errungenschaften der Glorreichen Revolution zählte daneben die Fundierung der Staatsschulden, das heißt die Absicherung der Zins- und Tilgungszahlungen durch Einnahmequellen, die Gründung der Bank von England und die Ausgestaltung eines neuen Finanzsystems, das im Allgemeinen in der Lage war, den großen politischen Vorhaben finanziellen Rückhalt dadurch zu gewähren, dass ein organisierter, unabhängiger, leistungsfähiger Kapitalmarkt existierte. Dieser diente bald vielen Ländern und ließ in London das neue Finanzzentrum der Welt entstehen.
 
Gleichwohl kennzeichneten auch in England staatliche Interventionen und die besondere Förderung nationaler Interessen die Wirtschaftspolitik. Diese Eingriffe waren zuweilen eher kurios als effizient: So bestimmte man etwa gesetzlich, dass Leichen in wollenen Totenhemden zu bestatten seien, um die Wollwirtschaft zu fördern. Zum Segen der Fischerei erlegte man den überwiegend protestantischen Untertanen mehr fleischlose Tage, also Fischtage, auf, als gemeinhin eingefleischten Katholiken zugemutet wurden.
 
Mit der Navigationsakte von 1651 wollte das englische Parlament das niederländische Frachtmonopol brechen, den Zwischenhandel ausschließen, die Kolonien stärker an das Mutterland binden und dem Land im Dienstleistungsbereich Lohn und Brot sichern. Nach England durften nur noch Waren auf englischen Schiffen eingeführt werden, das heißt das Schiff musste einem Engländer gehören, unter einem englischen Kapitän fahren und eine Besatzung führen, deren Personal zu drei Vierteln einen englischen Pass hatte. Der Handel von Dritten in die englischen Kolonien hatte über das Mutterland zu erfolgen; umgekehrt konnten Kolonialgüter nur indirekt über die Insel auf den kontinentaleuropäischen Markt gelangen. Diese Bestimmungen brachten England nicht nur Vorteile: Sie provozierten den illegalen Handel und stärkten — etwa in Nordamerika — Separationskräfte, die den Nährboden der Amerikanischen Revolution bereiten halfen. Dennoch hielt das Parlament an seiner Politik des strikten wirtschaftlichen Nationalismus bis zur Aufhebung der Navigationsakten 1849 und 1854 fest.
 
Eine umfassende Neuaufteilung zwischen den europäischen Mächten setzte nach Beginn des Siebenjährigen Krieges ein und fand mit dem Wiener Kongress 1815 ihren Abschluss. Der Siebenjährige Krieg entschied die britisch-französische Rivalität deutlich zugunsten Großbritanniens. Die französische Niederlage gründete hauptsächlich in der mangelnden Besiedlung Kanadas sowie in der Unterlegenheit der französischen Flotte, die die Auseinandersetzungen um Indien maßgeblich bestimmte: Frankreich hatte sein Hauptaugenmerk auf die Landstreitkräfte gerichtet und erwartete die Entscheidung in Europa. Seine Festlandpolitik nahm dem Land Mittel, die es zum Ausbau seiner internationalen Wettbewerbsfähigkeit dringend benötigt hätte. Hinzu kam ein übersteigerter Fiskalismus, der hier im Unterschied zu den nördlichen Niederlanden und Großbritannien die private Initiative hemmte.
 
Der spätere Versuch Napoleons I., Großbritanniens maritime und koloniale Vorherrschaft zu brechen, misslang. Frankreich hatte die Grenzen seiner Organisationsmöglichkeiten überschritten. Die Napoleonischen Kriege auf dem Kontinent banden erneut Ressourcen und vermehrten im Ergebnis den britischen Kolonialbesitz um weitere Inseln und Stützpunkte aus den Kolonialreichen der mit Frankreich verbündeten Mächte. Den Niederlanden nahm Großbritannien Ceylon, Guinea und Kapstadt sowie einige kleinere Besitzungen für immer ab; Java besetzte es nur vorübergehend. Die Spanier mussten Trinidad abgeben. Portugal, der Bundesgenosse Großbritanniens, blieb von Gebietsverlusten verschont. Letzteres war endgültig die führende See-, Handels- und Kolonialmacht geworden.
 
Während Großbritannien mit dem Rivalen Frankreich kämpfte, rang es gleichzeitig mit Spanien um dessen Monopolbereiche im Pazifischen Ozean. Schon 1770 hatte James Cook die Ostküste Australiens für die britische Krone in Besitz genommen. Wenn auch die Spanier namentlich die Philippinen bis 1898 behalten konnten, beanspruchten doch die im 19. Jahrhundert im Pazifik auftauchenden Briten und Franzosen den größten Teil der pazifischen Inselwelt für sich.
 
Auf dem indischen Subkontinent gelang es der englischen Ostindienkompanie schon im 17. Jahrhundert, einige Niederlassungen zu etablieren, so zum Beispiel 1639/40 Madras in Vorderindien und an der Koromandelküste 1668 Bombay. 1757 legte Lord Robert Clive den Grundstein für die Eroberung Indiens, indem er in der Schlacht von Plassey die Armee des Nawabs (Fürsten) von Bengalen schlug. Acht Jahre später übertrug der Großmogul der East India Company die Verwaltungshoheit über Bengalen, womit die Ausgangsbasis geschaffen war, von einer Politik der Einflussnahme mittels Handelsniederlassungen zu einer ausgreifenden Territorialpolitik überzugehen, die durch ständige Eroberungen das zweite britische Kolonialreich schuf.
 
Die vorteilhaften geographischen Verhältnisse Englands, die beste Entfaltungsmöglichkeiten für die Seeschifffahrt boten, begünstigten diese Machterweiterung. Seine Entwicklung zur Handelsmacht hatte sich bereits mit dem Sieg über die spanische Armada 1588 sowie den Kaperfahrten Sir Walter Raleighs und Sir Francis Drakes abgezeichnet.
 
England war bestrebt, die Vorherrschaft im Handel möglichst auf friedlichem Wege zu erlangen. So schloss Oliver Cromwell bereits 1654 mit Portugal einen Friedensvertrag, der ungewöhnlich lange — bis 1810 — andauerte. Der Vertrag, in dem sich die Portugiesen verpflichteten, im Überseeverkehr englische Schiffe zu benutzen, ermöglichte England, den Portugal- und Brasilienhandel auszubauen. Ergänzt wurde dieses Abkommen durch den 1703 geschlossenen Methuenvertrag. Danach senkte Portugal für englische Tuche die zum Schutz des portugiesischen Textilgewerbes bestehenden hohen Einfuhrzölle, während England zusagte, den hohen Zollsatz für Weine, der vor allem Frankreich als Weinlieferant traf, für portugiesische Weine um ein Drittel zu vermindern. Da Portugal weniger Tuche einführte als es Weine exportierte, glich es die Differenz in der Handelsbilanz durch die Hergabe von Gold aus, das aus den überseeischen Besitzungen stammte.
 
Auch das Atlantikgeschäft erfuhr eine wesentliche Ausdehnung. Als Bastion für den Handel mit den englischen Karibikinseln Barbados und Jamaika diente das Fort Saint James an der Westküste Afrikas. Im Rahmen dieser Dreiecksverbindung wurden englische Manufakturwaren nach Westafrika ausgeführt, afrikanische Sklaven in die Karibik geliefert sowie westindischer Zucker nach England importiert. In diesen Zusammenhang gehörte auch die Monopolerteilung für die Royal African Company im Jahre 1672. Zwei Jahre zuvor wurde die mit einem Handels- und Jagdmonopol ausgestattete Hudson's Bay Company gegründet, die das Nordamerikageschäft, besonders den Pelzhandel, betrieb. Im Übrigen wurde Boston in Neuengland zum nordamerikanischen Haupthafen der Engländer. 1713 erwarb Großbritannien vertraglich das Monopolrecht, die spanischen Kolonien in Lateinamerika mit Sklaven zu beliefern.
 
Mit dem Erstarken der Engländer verminderte sich sowohl der Einfluss der Franzosen, die wichtige Handelsstützpunkte aufgaben, als auch der Niederländer, die durch die Eroberungskriege Ludwigs XIV. ebenso geschwächt wurden wie durch die englischen Navigationsakte. Der enorme englische Handelsaufschwung im Laufe des späten 17. und des 18. Jahrhunderts kam besonders deutlich in der Erhöhung der Ein- und Ausfuhren zum Ausdruck. So stiegen von 1715 bis 1775 die jährlichen Einfuhren von 4 auf 15 Millionen Pfund Sterling, die Exporte von 6 auf 16 Millionen. London wurde nicht nur zum Zentrum des Welthandels, sondern durch die Gründung der Bank von England 1694, den weltumspannenden Zahlungsverkehr und das Goldgeschäft zum aufstrebenden Geld- und Finanzzentrum der spätmerkantilistischen Epoche. Durch diesen Aufschwung gelangten weitere englische Städte beziehungsweise Häfen zu besonderer Bedeutung, so Southampton, Plymouth und Bristol sowie später — vor allem durch den Export von Baumwolle — Liverpool.
 
Die »Neutralen« und das unabhängige Amerika melden sich zu Wort
 
Auch die Neutralen schalteten sich in das überseeische Kolonialgeschäft ein. Nach dem Westfälischen Frieden 1648 waren dies Herzog Jakob von Kurland und Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, ferner Dänemark, Schweden und die Schweiz, die sich an der Sklavenfahrt von Westafrika nach Westindien beteiligten. König Christian V. ließ eine Ostindienkompanie zur Sicherung des dänischen Hauptstützpunktes Tranquebar an der Malabarküste gründen. Saint Jean, Saint Thomas und die 1732 von Frankreich erworbene Zuckerinsel Saint Croix wurden wichtige Brückenköpfe Dänemarks in die Märkte der Neuen Welt hinein. Damit konnte Kopenhagen mit Hamburg in den Wettbewerb um Kolonialgüter eintreten. Ähnliches galt für das schwedische Göteborg, das von der Privilegierung einer Ostindienkompanie im Jahre 1731 profitierte. In den 1750er- und 1760er-Jahren versuchte darüber hinaus König Friedrich II. von Preußen, von Emden aus den Asienhandel zu betreiben.
 
Neben den privilegierten Gesellschaften mischten im 18. Jahrhundert zunehmend Private im Atlantikgeschäft mit, so die dänische Firma Schimmelmann. Das Unternehmen betrieb neben dem heimischen Agrargeschäft den Zucker- und Baumwollhandel mit Westindien, war in der Rumveredlung tätig, engagierte sich in der Waffen — und Kleineisenwarenproduktion sowie in der Baumwollverarbeitung und unterhielt eine eigene Flotte. Darüber hinaus war der Multiunternehmer Schimmelmann Großaktionär der dänischen Guineakompanie. Einen ähnlichen Aktionsradius hatte das Basler Unternehmen Burckhardt, das Textilproduktion und -handel betrieb und über ein französisches Tochterunternehmen am Dreieckshandel beteiligt war.
 
Die Nordamerikaner trieben nach der Unabhängigkeit 1776 zunächst die eigene Industrialisierung voran, etwa die Textilindustrie in Massachusetts und Rhode Island oder weiter südlich das Metallgewerbe, die Glas- und Papierindustrie sowie den Tabak- und Baumwollanbau. Ein florierender Schiffbau in den Küstenstädten bildete die Grundlage für den expandierenden Transatlantikhandel. Das Geschäft zwischen Neuengland und China, so zum Beispiel dasjenige Bostoner Kaufleute mit Kanton, die dort Pelze verkauften und Tee sowie Seide einkauften, wuchs beträchtlich. Als im beginnenden 19. Jahrhundert die südamerikanischen Staaten um ihre Freiheit vom portugiesischen bzw. spanischen Mutterland kämpften, rüsteten häufig amerikanische Waffenhändler die Unabhängigkeitskämpfer aus.
 
Auch in Europa belebte sich der Handel zusehends und wurden neue Märkte erschlossen. Das Russlandgeschäft expandierte beachtlich, zumal mit Archangelsk und Sankt Petersburg zwei bedeutende Handelszentren von internationalem Rang hervortraten. Im Süden wurde Odessa als Getreideexporthafen wichtig. Russland gelang es 1689 mit dem Vertrag von Nertschinsk, die erste zwischenstaatliche Vereinbarung zwischen China und einer westlichen Macht abzuschließen, in deren Folge es seit Ende des 17. Jahrhunderts staatliche Karawanen nach Peking organisierte, bis der Privathandel über Kjachta im Laufe des 18. Jahrhunderts die Irkutsklinie gegenüber der Karawanenstraße in den Vordergrund treten ließ. Jedenfalls weitete Russland sein Geschäft mit Persien, Buchara und China aus. Mit Tee ließen sich ebenso gute Umsätze erzielen wie später mit sibirischem Gold.
 
Der Überseehandel: Entwicklung und Bedeutung
 
Zwischen 1750 und 1850 gewann der Überseehandel überproportional an Gewicht. Er verzwanzigfachte sich und wuchs damit dreimal so schnell wie das gesamte Welthandelsvolumen. Die Anteile des Überseehandels am Außenhandel der wichtigsten europäischen Kolonialländer stiegen vor allem während des 18. Jahrhunderts enorm. So betrug in Frankreich der Anteil des Handels mit den Kolonien 1716 erst 18 Prozent, bis 1787 erhöhte er sich auf 33 Prozent. Ende des 17. Jahrhunderts belief sich der holländische Ostindienhandel auf etwa 8 Prozent, in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts wuchs er auf 25 Prozent an, wogegen in England der Kolonialhandel um 1700 ungefähr 15 Prozent und 1775 rund ein Drittel des Handelsvolumens ausmachte. Portugals Kolonien nahmen Ende des 18. Jahrhunderts ein Drittel des Exports aus dem Mutterland auf und lieferten die Hälfte des portugiesischen Imports. Tatsächlich mag die Bedeutung des Überseehandels zumindest für England, Frankreich und die Niederlande größer gewesen sein als die Zahlen aussagen. Ein Teil der Ausfuhren, besonders die Englands, die in andere europäische Länder gelangten, wurden von dort in die Kolonien weitergeleitet.
 
Der Luxuskonsum von Genussmitteln und der Bedarf an ostindischen Fertigwaren erhöhten sich während des 18. Jahrhunderts stetig und trugen zu einer Intensivierung des Warenaustausches bei. Die überseeischen Gebiete gewannen gerade in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts einerseits als Rohstofflieferanten, zum Beispiel für die Baumwollindustrie, und andererseits als Absatzmärkte an Bedeutung. Bestimmten in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts Genussmittel, amerikanische Edelmetalle, afrikanische Sklaven und feine asiatische Gewerbeerzeugnisse den Kolonialhandel, so dominierte der massenhafte Bedarf an Grundstoffen für die Industrie seit der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts die Einfuhr aus den überseeischen Gebieten. Insofern spiegelte sich die industrielle Revolution in den Handelsbilanzen der Länder wider.
 
Erst die Fortschritte der Industrialisierung brachten eine der indischen und chinesischen qualitativ gleichwertige, aber zugleich billigere und damit konkurrenzfähigere europäische Produktion hervor. Verbunden mit dieser Umstrukturierung der Warenströme änderte sich der Stellenwert der einzelnen Kolonien und Überseeterritorien im internationalen Handelssystem.
 
Während der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts konzentrierte sich der Kolonialhandel hauptsächlich auf Amerika. Gegen Ende des Jahrhunderts standen die Westindischen Inseln im Mittelpunkt des Interesses. Als der britische Premierminister William Pitt der Jüngere 1797 die Einkommensteuer einführen wollte, erwähnte er, dass vier Fünftel des Einkommens, das Großbritannien aus Übersee bezog, aus Westindien stamme. In der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Bedeutung Ostindiens für den britischen Handel rapide zu.
 
 Handelsgüter und Handelsplätze
 
Während im 16. Jahrhundert der Handel mit Gewürzen, insbesondere Pfeffer, vorherrschte, vergrößerte sich die Auswahl der gehandelten Güter im 17. und 18. Jahrhundert beträchtlich, sodass, insgesamt betrachtet, der Gewürzhandel an Bedeutung verlor. Eine herausragende Stellung nahmen bei den Importgütern die indischen Textilien ein: Um 1700 machten diese mehr als 40 Prozent der niederländischen Importe aus.
 
Danach gehörten die Genussmittel Kaffee, Tabak und vor allem Zucker zu den wichtigsten Kolonialwaren. Das Zentrum des Zuckeranbaus verlagerte sich vom Norden Brasiliens auf die Westindischen Inseln, die in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts als die »Zuckerinseln« von eminenter ökonomischer Wichtigkeit waren. Als Baumwolllieferant machte sich der Süden der USA für die aufstrebende englische Industrie unentbehrlich. North Carolina und South Carolina konzentrierten sich auf den Tabakanbau. Der Norden der USA bot Getreide und Holz.
 
Zunehmender Wohlstand ermöglichte es nun auch breiteren Schichten der europäischen Bevölkerung, tropische Genussmittel zu konsumieren. Ein relativ großer Teil der eingeführten Genussmittel diente in England, das durch die frühe Industrialisierung zu Kaufkraft kam, eigenem Verzehr, besonders Zucker und Tee. Dagegen wurden Tabak und Kaffee zu mindestens 80 Prozent reexportiert.
 
 
Der Tabak gehörte zu jenen fremdartigen Kolonialprodukten, die erst nach Kolumbus' Entdeckungsfahrten in der Alten Welt bekannt wurden. Er begann im 17. Jahrhundert in die höheren gesellschaftlichen Schichten der europäischen Länder einzudringen. Seine Wirkung entsprach der des Alkohols, und so sprach man anfänglich nicht vom Tabakrauchen, sondern vom »trockenen Trinken« und von der »trockenen Trunkenheit«. Für diese Form des Genusses gab es zunächst demnach keinen Begriff. Sein Hauptbestandteil, das Nikotin, ist nach dem französischen Gesandten am portugiesischen Hof, Jean Nicot, benannt, der den Tabak um die Mitte des 16. Jahrhunderts nach Frankreich brachte. Über Reisende und Diplomaten fand das neuartige Produkt seinen Weg in die bis dahin nicht rauchenden Kreise der europäischen Kultur. Frühe Berichte über dessen Konsum klingen noch geheimnisvoll und kurios. Der kurpfälzische Gesandte Johann Joachim von Rusdorff führt 1627 in einem Bericht über die neue Mode in den Niederlanden aus: »Ich kann nicht umhin, mit einigen Worten jene neue, erstaunliche und vor wenigen Jahren aus Amerika nach unserem Europa eingeführte Mode zu tadeln, welche man eine Sauferei des Nebels nennen kann, die alle alte und neue Trinkleidenschaft übertrifft. Wüste Menschen pflegen nämlich den Rauch von einer Pflanze, die sie Nicotiana oder Tabak nennen, mit unglaublicher Begierde und unauslöschlichem Eifer zu trinken und einzuschlürfen.« Was Wunder, dass sich Anekdoten um diese bizarre Pflanze zu ranken begannen, wie etwa die vom »brennenden« Sir Walter Raleigh, dessen Diener seinen Herrn rauchen sah und daraus schloss, derselbe brenne inwendig und er müsse das Feuer mit einem kräftigen Guss Wasser löschen.
 
In der Geschichte des Tabaks spiegeln sich auch Aspekte einer Kulturgeschichte der Zeit wider, wenn man die Formen berücksichtigt, in denen er in unterschiedlichen Epochen konsumiert wurde: in der Blütezeit des höfischen Lebens und des Absolutismus, als man noch genügend Muße hatte, sich den Konsum des Genussmittels selbst vorzubereiten, als Kau- und Schnupftabak und in der Pfeife. Im Zuge der Vor- und Frühindustrialisierung wurde die Zeit etwas knapper und man begann, vorgefertigten Tabak in Zigarrenform zu sich zu nehmen; auch die Architektur des 18. und 19. Jahrhunderts mit ihren Herren- bzw. Raucherzimmern richtete sich auf die Zigarren rauchende, bürgerliche Gemächlichkeit ein, mit zwar schon beschränkter, aber doch noch vorhandener Zeit. Mit der zunehmenden Arbeitsteilung und Standardisierung im Zuge der industriellen Revolution in der Mitte des 19. Jahrhunderts kam ein neues Tabakprodukt auf den Markt, das heute noch die Funktion des Pausenfüllers hat: die Zigarette, die zum Zeitbegriff wurde. Umgangssprachlich heißt es, man geht »auf eine Zigarette« irgendwo hin, womit in der Regel eine Zeiteinheit von fünf bis zehn Minuten gemeint ist.
 
Kaffee und Tee
 
Ebenfalls im 17. Jahrhundert tritt der Kaffee seinen Siegeszug an. Dieses Getränk fand im Kreise aufgeweckter und geschäftstreibender Zeitgenossen schon deshalb besonderen Anklang, weil diese in seiner belebenden Wirkung die sich zunehmend durchsetzende Geisteshaltung des Rationalismus symbolisiert sahen. Mit Lloyd's Kaffeehaus entstand am Ende der 1680er-Jahre in London ein Treffpunkt von Kaufleuten, Schiffseignern, Kapitänen und Versicherungsagenten, in dem die neuesten Nachrichten ausgetauscht und mancher Vertrag eingeleitet wurde. Das Kaffeehaus wurde zum Prototyp des nichtalkoholischen Lokals, in dem weniger Frohsinn und Heiterkeit wie in den Weinschenken als vielmehr geschäftige Nüchternheit und Mäßigung, in den späteren Cafés die Gesprächskultur, tonangebend sind. Es sind zunächst reine Männerlokale, erst im 19. Jahrhundert bilden die Kaffeekränzchen eine Art weibliche Gegenkultur zur maskulinen Kaffeehauskultur.
 
Freilich wurde das schwarze Getränk nicht überall sogleich leidenschaftlich aufgenommen. Es setzte sich dort am ehesten durch, wo Handel oder Fiskus ein gesteigertes Interesse an seinem Konsum hatten, so etwa in den Niederlanden und Frankreich. England stand um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert an der Spitze der europäischen Kaffeekonsumenten. Dagegen sperrte man sich in Deutschland lange Zeit, denn hier passte die Kaffeeeinfuhr nicht zur merkantilistischen Wirtschaftspolitik, die verhindern wollte, dass durch den Import von Luxusprodukten Geld aus dem Land fließt. So lag es auf der Hand, den Kaffee hoch zu versteuern, staatliche Verkaufs- und Röstmonopole einzuführen oder seinen Konsum gleich ganz zu verbieten. 1770 verlieh Preußen Privilegien, um die Kaffeeersatzpflanze Zichorie anzubauen und zu verarbeiten. Der Zichorienkaffee wies eine gewisse geschmackliche und farbliche Ähnlichkeit mit dem Originalprodukt auf, war dabei aber wohlfeiler und gesünder als der echte Bohnenkaffee.
 
Kaffeeplantagen hatten die Niederländer auf Java, später auf Ceylon und in Surinam angelegt, die Engländer im Dekhan, die Franzosen auf den kleinen Antillen, in Guayana und auf den Maskarenen.
 
Bereits seit der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts versuchte die East India Company eines ihrer Haupthandelsprodukte mit Asien — vor allem mit China —, den Tee, im Geschmack der mutterländischen Nation zu verankern, wie man weiß erfolgreich bis in die Gegenwart.
 
Das neue Getränk wurde erstmals 1658 in einem Londoner Kaffeehaus ausgeschenkt, wobei es noch über ein halbes Jahrhundert dauerte, bis sich der Tee als beliebtes Volksgetränk etabliert hatte. In einer Anzeige des Londoner Kaffeehauses »Garway's« hieß es 1660 über den Tee: »Er macht den Körper aktiv und munter. Er hilft gegen heftigen Kopfschmerz und Schwindelgefühl. Er bringt den Spleen zum Verschwinden... Er verscheucht die Müdigkeit und reinigt die Körpersäfte und die Leber. Er stärkt den Magen, verbessert die Verdauung und ist besonders geeignet für Menschen mit schweren Körpern sowie große Fleischesser. Er ist gut gegen Albträume, er erleichtert das Gehirn und stärkt das Gedächtnis. Er hält besonders gut wach. Ein Aufguss genügt, und man kann nächtelang arbeiten, ohne dem Körper Schaden zuzufügen.« Dem Tee sprachen die Zeitgenossen also ähnliche Wirkungen zu wie dem Kaffee; zudem war er das billigere Getränk: Zwar kostete der Tee nach Gewicht mehr als der Kaffee, da man pro Aufguss jedoch eine wesentlich geringere Menge benötigte, war Tee in der fertigen Genussform günstiger.
 
Wenngleich der Tee nicht nur von den Handelsgesellschaften geliefert wurde, war die East India Company Hauptnutznießerin der vorsichtigen Öffnung Chinas für den internationalen Handel; sie hatte ihre Beziehungen nach Kanton systematisch ausgebaut. Im 19. Jahrhundert traten Assam und Ceylon als Teelieferanten hinzu.
 
 
Im Unterschied zu Tee und Kaffee handelt es sich bei Kakao um ein Kolonialprodukt, das ähnlich wie der Tabak erst im Zuge der überseeischen Westexpansion »entdeckt« und auf die europäischen Märkte gebracht wurde. Das Produkt selbst wie seine Bezeichnung sind altmexikanischen Ursprungs, und der Kakaohandel blieb weitgehend in Händen Spaniens. Von dort verbreitete er sich in Frankreich und Italien, also auffallenderweise eher in der katholischen Welt des europäischen Südens oder genauer Südwestens. Das aristokratische Schokoladenfrühstück hielt im 17. und 18. Jahrhundert an den Höfen des romanischen Kulturbereichs Einzug und diente aufgrund seines großen Nährwerts in der katholischen Welt als Nahrungsersatz während der Fastenperiode. Die spanische Schokoladentradition endete Anfang des 19. Jahrhunderts, als der Holländer C. van Houten ein Verfahren entwickelte, das der Kakaobohne den größten Teil ihres Öls entzog und den Kakao weniger nahrhaft, dafür aber umso verdaulicher machte.
 
Existenzieller Getreidehandel
 
Der Getreidehandel wurde nach wie vor fast ausschließlich als Seehandel betrieben. Besonders kennzeichnete ihn seine Unberechenbarkeit, die nicht nur aus Missernten resultierte, sondern auch aus Spekulationen und staatlichen Eingriffen. Im 17. und 18. Jahrhundert gab die Amsterdamer Getreidebörse den Ton an und setzte die Preise für ganz Europa fest. Der Ostseehandel diente der Niederländischen Republik als Haupterwerbsquelle und als Grundlage maritimen Machtstrebens. Während sich ihr Anteil an der Sundfahrt (die Fahrt von der Ostsee via Öresund zur Nordsee) für Weizen zwischen 1661 und 1670 auf 95 Prozent belief, betrug er zwischen 1771 und 1780 nur noch 49 Prozent. Ähnlich rückläufige Tendenzen wies das quantitativ mit Abstand führende Getreidehandelsprodukt Roggen auf. Der wichtigste Ausfuhrhafen des Ostseeraumes, der Kornkammer Europas, war durchweg Danzig, das ab 1793 preußisch war. Das von Bromberg und Thorn dorthin verschiffte polnische Getreide wurde in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht mehr hauptsächlich in die Niederlande, sondern nach Großbritannien exportiert.
 
Großbritannien hatte sich vor allem aufgrund seiner wachsenden Bevölkerung im Laufe des 18. Jahrhunderts vom Getreideexport- zum Getreideimportland entwickelt. Beträchtliche Schiffsladungen an Getreide kamen im Rahmen der Archangelskfahrt auf die Insel; in dieses Geschäft waren auch Reeder aus Hamburg, zum Beispiel der Mennonit Berend (I.) Roosen, involviert. Ebenso wusste Dänemark sich geschickt in das Getreidegeschäft einzuschalten; dabei ermöglichte die räumliche Nähe zu England den Kornhändlern, möglichst schnell auf Änderungen in der britischen Kornhandelsgesetzgebung zu reagieren.
 
Im 19. Jahrhundert wurde außerdem Russland als Getreidelieferant für die westeuropäischen Länder zunehmend wichtiger. Dies gründete zum einen in der gestiegenen Nachfrage der nicht in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung, deren Anteil zunahm, zum anderen in dem erhöhten Bedarf an Futtergetreide für den wachsenden Viehbestand in den westlichen Ländern.
 
Die Seehäfen
 
Die Seehäfen stellten die Knotenpunkte des internationalen Handelsnetzes der frühen Neuzeit dar. Im deutschen Bereich war der größte Küstenumschlagplatz zweifelsohne Hamburg. Besonders günstig wirkte sich dessen vorteilhafte Lage an der Elbmündung aus, sodass es neben Amsterdam zum bedeutendsten Seehandelsplatz des europäischen Kontinents avancierte. Hamburgs Hinterland mit der Elbe und anderen Fernhandelsstraßen erfasste insbesondere das ostdeutsche Leinengebiet in Schlesien und das auf den Glasexport spezialisierte Böhmen. Leinwand exportierte man vor allem nach England und Spanien. Als England begann, Getreide einzuführen, belebte sich der Handel mit dem aus Archangelsk oder aus Mecklenburg und der Mark kommenden Getreide zusehends. Wenngleich Hamburg keinen direkten Überseehandel unterhielt, so kam doch ein recht lebhafter Zwischenhandel mit Kolonialwaren auf, der über Amsterdam nach Hamburg ging. Im 18. Jahrhundert liefen Hamburger Schiffe vor allem Bordeaux und andere französische Häfen an, wo sie neben Wein, Zucker, Kaffee auch Indigo aufnahmen und nach Deutschland importierten.
 
Bremen nahm die zweite Stelle ein. Seine Schifffahrt blieb auf die Nord- und Ostsee sowie auf die atlantischen Häfen Frankreichs beschränkt. Eine wichtige Funktion bestand darin, den Austausch zwischen den viehwirtschaftlich orientierten Küstengebieten und dem Hinterland vorzunehmen. Es verschiffte vor allem Holz und viele Agrarerzeugnisse sowie westfälische Leinwand. Hinzu kam der Import von niederländischem und englischem Fisch, französischen Weinen und Kolonialgütern.
 
Obwohl Lübeck nicht Hamburgs oder Bremens Bedeutung erlangte, nahm es im Ostseehandel ebenfalls eine beachtliche Position ein. Um 1730 gab Lübeck sein Stapelrecht auf, sodass sich neue Möglichkeiten des Speditions- und Kommissionshandels erschlossen. Um den Seeweg und Sundzoll zu umgehen, gingen viele Hamburger Güter, vor allem Kolonialgüter, über Lübeck.
 
London und Liverpool gewannen im wirtschaftlich aufstrebenden England eine beachtliche Stellung im Welthandel. In London vereinigte sich Englands Handel mit dem des Kontinents und Indiens. Dort hatten die für den Überseehandel privilegierten Handelskompanien ihren Sitz, weswegen sich der Handel mit den Kolonien insgesamt in dieser Stadt konzentrierte. Besondere Bedeutung erlangte Liverpool durch die Handelsbeziehungen mit Westafrika und Amerika. Im Austausch gegen Sklaven exportierten Liverpool und teilweise auch Boston Erzeugnisse der Metallwarenindustrie wie Messer, Nadeln und Nägel in westafrikanische Küstengebiete. Die Sklaven ihrerseits waren für die Plantagen Brasiliens und Westindiens bestimmt, wo sie gegen Kolonialwaren »abgesetzt« wurden.
 
Im andalusischen Cádiz trafen im 17. und 18. Jahrhundert die Handelsrouten aus den amerikanischen Kolonien, aus Afrika und aus dem Mittelmeergebiet zusammen. Sowohl englische wie auch niederländische Schiffe legten dort an, um vor allem ihre Waren niederzulegen. Darüber hinaus war Cádiz Ausgangs- und Endpunkt für den Handel mit dem spanischen Amerika, namentlich Havanna, Veracruz und Portobelo, dem heutigen Puerto Bello in Panama.
 
In Frankreich erlangten neben Paris noch Lyon, Marseille, Bordeaux, Brest und Le Havre eine nicht unbedeutende Stellung im Handel. Dort konzentrierten sich bedeutende Überseehandelshäuser. So gründeten zum Beispiel die Brüder Pellet 1718 in Bordeaux eine Gesellschaft für den Handel mit Martinique, und Brest unterhielt Anfang des 18. Jahrhunderts einen umfangreichen Schiffsverkehr mit Chile und Peru.
 
Das ligurische Livorno, wie Marseille 1593 zum Freihafen erklärt, wurde von seiner zentralen Lage begünstigt. Hinzu kamen die vorzüglichen Hafenanlagen, die die Lagerung größerer Warenmengen erlaubten. Im Gegensatz zu Marseille war nicht der Eigenhandel, sondern die Funktion als Umschlagplatz entscheidend. Außerdem verhielt es sich politisch neutral, sodass in Kriegszeiten Schiffe aller Nationen dort Schutz finden konnten.
 
 Der Freihandel setzt sich durch
 
Die Unabhängigkeit der Neuenglandstaaten und der lateinamerikanischen Länder gaben den Ausschlag, dass sich der Schwerpunkt der Kolonialreiche von Amerika nach Asien und Afrika verlagerte.
 
Wenngleich Großbritannien erheblich an überseeischem Territorium verlor, blieb es doch weiterhin im Amerikageschäft dominierend. Jedenfalls stieg sein Handelsvolumen mit den Vereinigten Staaten stetig. Die lateinamerikanischen Märkte öffneten sich den britischen Fertigwaren und schufen für das von der Kontinentalsperre bedrängte Großbritannien die so wichtigen neuen Absatzgebiete.
 
Die traditionelle koloniale Politik hatte die überseeischen Besitzungen einseitig den Interessen des Mutterlandes unterstellt: So verhinderte sie weitgehend die Gewerbetätigkeit in den Kolonien, damit der Industrie im Mutterland keine Konkurrenz erwuchs; sie monopolisierte die Schifffahrt und den Warentransport oder unterband den freien Handel durch exklusiv privilegierte Gesellschaften auf Kosten der Kolonien. Diese protektionistische Politik wich allmählich einer Politik des Freihandels und der internationalen Freizügigkeit. In Portugal liberalisierten die 1755 eingeleiteten Reformen des Ministers Sebastião José de Carvalho e Mello, des späteren Marquis von Pombal, den Handel und Verkehr zwischen Mutterland und Kolonien, der Kolonien untereinander sowie zwischen den Kolonien und fremden Ländern. König Karl III. ließ in Spanien 1765 die staatlich monopolisierte Schifffahrt und Bindung an den Hafen von Sevilla aufheben. Er gestattete allen Spaniern den Handel mit dem spanischen Westindien und gab den interkontinentalen Handel frei. 1767 und 1784 errichteten die Franzosen, dem Beispiel der Briten folgend, auf den Westindischen Inseln einige Freihäfen. Letztlich wurde auch der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg durch die merkantilistische Kolonialpolitik Großbritanniens ausgelöst. Um die Kosten des Siebenjährigen Krieges aufzubringen, sollte die nordamerikanische Kolonie zu höheren Abgaben und Zöllen herangezogen werden, was den entschiedenen Widerstand der Siedler hervorrief. Bereits 1770 war es im Gefolge von Zollerhöhungen und Korruption in der Zollaufsichtsbehörde zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Bürgern und britischen Soldaten gekommen, woraufhin alle Zölle bis auf den Teezoll aufgehoben wurden. Als jedoch die East India Company 1773 versuchte, den im Mutterland von der Steuer befreiten Tee in Amerika billiger anzubieten, sahen die Kolonisten darin den Versuch Londons, sie dadurch zur Annahme des Teezolls zu veranlassen. Aufgebrachte Bostoner Bürger enterten als Indianer verkleidet am 16. Dezember 1773 im Hafen einen Frachtsegler, der Tee geladen hatte, und warfen die wertvolle Ladung ins Meer. Das dramatische Ereignis ging als Boston Tea Party in die Annalen ein und bildete einen der Auslöser für den Unabhängigkeitskampf. Das unabhängige Amerika führte den freien Handel für alle Nationen ein. Generell blieb die Einführung des Freihandels aber ein Erfolg Großbritanniens, das dank der frühen Industrialisierung in der Herstellung von Fertigwaren auf dem Weltmarkt nahezu konkurrenzlos agierte und sich infolge der Liberalisierung des Handels neue Absatzmärkte verschaffen konnte. Großbritannien erlaubte es sich, seine Häfen in den Kolonien schon in den Zwanzigerjahren des 19. Jahrhunderts fremden Schiffen und Händlern zu öffnen, obwohl das Handelsmonopol zwischen Mutterland und Kolonie erst 1849 durch die Aufhebung der Navigationsakte offiziell abgeschafft wurde. Die anderen europäischen Mächte übernahmen das britische Beispiel, und an die Stelle protektionistischer Zollpolitik traten internationale Abmachungen. Die allmähliche Durchsetzung des Freihandels musste den wirtschaftlichen Argumenten der merkantilistischen Epoche für den Erwerb und die Aufrechterhaltung der Kolonialreiche bald die Grundlage entziehen. Noch 1852 sprach Benjamin Disraeli, der als britischer Premierminister in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts den britischen Imperialismus maßgeblich vorantrieb, von den »elenden Kolonien«, die als »Mühlstein an unseren Hälsen« hingen und möglichst schnell zur Selbstverwaltung geführt werden sollten. Vertreter der Manchesterschule, wie Richard Cobden, John Bright und Hermann Merivale, betrachteten die Kolonien als Anachronismus und ökonomische Belastung, die geeignet schien, die Prosperität des industriellen Systems zu hemmen. Sie befanden sich in Opposition gegen alle imperialistischen Unternehmungen und jegliche offizielle Kolonialpolitik.
 
Die herausragende Stellung der britischen Industrie um die Mitte des 19. Jahrhunderts rechtfertigte es, Großbritannien als »Werkstatt der Welt« zu bezeichnen. Es förderte zwei Drittel aller Kohle, etwa die Hälfte allen Eisenerzes, fünf Siebtel der noch geringen Stahlproduktion gingen auf Großbritanniens Konto, es stellte etwa die Hälfte des Baumwolltuchs und wertmäßig 40 Prozent aller Eisenwaren her.
 
Einzelne Industriezweige hingen besonders stark vom Außenhandel ab. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts bestanden über 90 Prozent der britischen Nettoimporte aus Grundstoffen. Diesen Bedarf zu decken, halfen nicht nur die überseeischen Besitzungen, sondern auch die europäischen Länder, deren Industrialisierung noch in den Anfängen steckte und die die Erlöse aus dem Grundstoffexport benötigten, um die britischen Gewerbeprodukte zu bezahlen. So lieferte Deutschland Holz, Getreide und vor allem Wolle, während es aus Großbritannien textile Erzeugnisse sowie Metallwaren bezog.
 
Prof. Dr. Rolf Walter
 
Grundlegende Informationen finden Sie unter:
 
Frühkapitalismus und europäische Expansion: Geld regiert die Welt
 
 
Borries, Bodo von: Kolonialgeschichte und Weltwirtschaftssystem. Europa und Übersee zwischen Entdeckungs- und Industriezeitalter 1492-1830. Münster u. a. 21992.
 Braudel, Fernand: Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts. 3 Bände. Aus dem Französischen. Sonderausgabe München 1990.
 Burkhardt, Johannes: Frühe Neuzeit. 16.-18. Jahrhundert. Königstein im Taunus 1985.
 Cameron, Rondo: Geschichte der Weltwirtschaft, 2 Bände. Aus dem Amerikanischen. Stuttgart 1991-92.
 
Dokumente zur Geschichte der europäischen Expansion, herausgegeben von Eberhard Schmitt. Band 3 und 4. München 1987-88.
 Schivelbusch, Wolfgang: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft. Eine Geschichte der Genußmittel. Taschenbuchausgabe Frankfurt am Main 1995.

Universal-Lexikon. 2012.

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